TV-Checker Padrutt über «Happy Porno» – ein süffiger, aber zu glücklich geratener Film über das Schmuddelbusiness.

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Kein Zweifel: Alain Godet gehört zu den versiertesten Schweizer Dokfilmern. Seine Reportagen sind aufwendig recherchiert, ästhetisch durchkomponiert – immer ein Höhepunkt. Schon 1996 zeigte der Basler mit Doktortitel, der Ethnologie, Philosophie und Theologie studierte, eine überraschende Affinität für die verbotenen Bilder, die uns so reizen. Mit «Heidi im Pornoland» setzte er formal neue Massstäbe beim Schweizer Fernsehen. Bunt und grell, aber auch einfühlsam, zeigte er im Stil der damals boomenden Videoclips, wie eine junge St. Moritzerin aus bürgerlichem Hause nach Italien abhaute, um sich als Darstellerin an der Seite von Rocco Siffredi selbst zu verwirklichen. Der Film erreichte weit über eine Million Zuschauer, obwohl er spät am Abend ausgestrahlt wurde. Monatelang berichtete BLICK über die Junge Frau, die in der kalten Pornobranche nach Geborgenheit und Liebe suchte.

«Happy Porno» lief zur besten Sendezeit

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Beim SRF-Dok «Happy Porno» geht es heute Abend richtig zur Sache. Screenshot / SRF

20 Jahre sind inzwischen vergangen. Gestern lief Godets neuster Streich «Happy Porno» im Hauptabendprogramm – allerdings mit dem Hinweis, dass er für Zuschauer unter 14 Jahren nicht geeignet sei. Der Film zeigte die Geschichte von 40 Jahre Pornoschaffen in der Schweiz auf. Süffig montierte der Autor Retro-Bilder und Original-Sexfilmmusik übereinander, arbeitete mit Schärfen und Unschärfen, die Kamera ruckelte und zoomte – wie in den Art-Pornos von Lucie Blush («Alice Inside»). Godet bot Zeitzeugen wie den umtriebigen damaligen Staatsanwalt Marcel Bertschi auf, der als «Sittenvogt» verschrien war. Und er schaffte es, die zurückgezogen lebende Ingrid Steeger vor die Kamera zu locken. Als 20-Jährige kam die spätere Ulknudel («Klimbim») nach Zürich, um Soft-Erotik-Filmchen zu drehen. Noch immer denkt die 69-Jährige mit Entsetzen zurück an die Zeit, als sie beim Dreh mit realen Hells Angels von diesen hart angegangen und nackt durch Zürich gejagt wurde. Was Steeger da erzählte, auch dass sie als Kind missbraucht wurde, ging unter die Haut und war eigentlich gar nicht «Happy Porno».

Die grossen Player fehlen

Leider fehlten im Film die wirklich grossen Player des damaligen Sexfilmgeschäfts – Erwin C. Dietrich und Edi Stöckli. Ersterer hat offenbar gesundheitliche Probleme, der zweite führt heute seriöse Kino-Center in der Schweiz und investiert in preisgekrönte, seriöse Spielfilme. Und so bekam der Zürcher Hardcore-Produzent Lars Rutschmann im Dok viel Platz, um Werbung für seine inszenierten Casting-Filmchen zu machen, in welchen er es mit jungen Frauen treibt.

Unangenehme Themen wurden ausgeklammert

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Hinter dem SRF-Dok steckt der Basler Filmemacher und Philosoph Alain Godet (62). SRF / Screenshot

Zum Schluss gab es immerhin ein Plädoyer von Marcel Bertschi. Pornografie zeichne ein Bild von Sexualität, in der die Frauen immer verfügbar seien und die Männer stets können. Die Menschen seien aber nicht glücklicher, auch wenn heute fast alles erlaubt sei.

«Happy Porno» erzählte auf spannende Weise die Geschichte von Märchen für Erwachsene, die in der Schweiz fabriziert werden. Am Ende fühlte man sich aber, wie wenn man einen Porno reingezogen hat. Man war ein bisschen angeregt, aber man hatte irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass einem so was gefallen hat.

Quelle: Blick

 

 

 

14. November 2015 No Comments admin Allgemein ,