Viele junge Männer leiden an sexueller Unlust. Grund dafür seien zu hohe Ansprüche und der Leistungsdruck.

Lustlosigkeit wird bei Männern zunehmend zum Problem. Viele haben keine Lust mehr auf Sex, obwohl sie eine anziehende Partnerin haben, mit der sie eine gute Beziehung führen. Die Vorstellung des Mannes, der bei jeder Gelegenheit Sex will, gilt heute als überholt.

Dieses Bild skizziert Ulrich Clement, Professor für medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg und Leiter des Instituts für Sexualtherapie, in einem Interview mit dem «Magazin». Als er vor mehr als 30 Jahren als Sexualtherapeut angefangen habe, habe man sich einen lustlosen Mann gar nicht vorstellen können. «Es gab lediglich Männer mit Erektionsstörungen, aber es herrschte die Vorstellung, wenn sich dem Mann eine attraktive Gelegenheit bietet, dann will er auch.» Diese «Geschlechtervorschrift» habe sich inzwischen relativiert.

Männer unter Leistungsdruck

Auch Schweizer Kollegen haben diese Entwicklung bemerkt. So etwa Paarberaterin Rita Schriber: «In meine Praxis kommen in letzter Zeit mehr Männer, die an Lustlosigkeit leiden.» Die Gründe würden sich dabei bei jedem Patienten ähneln: «Die meisten Männer stehen schon den ganzen Tag lang unter enormen Leistungsdruck und haben das Gefühl, Sex sei eine zusätzliche Leistung, die sie am Abend noch erbringen müssen.»

Markus Theunert, Präsident von Männer.ch, sieht ebenfalls in der Überforderung der Männer die Hauptursache für die schwindende Sexlust: «Die Ansprüche an Männer sind gewachsen – im Bett und im Job. Sie müssen im einen Moment den potenten Hengst, im nächsten den kommunikativen Bären geben.» Viele würden da einfach nicht mehr mithalten wollen und ihnen vergehe die Lust auf Sex – oder sie würden ihn kaufen.

Auch Pornofilme hätten zum Schwinden der Lust beigetragen. «Wenn Sex online permanent und problemlos verfügbar ist, sinkt der Anreiz, eine Frau offline sexuell zu umwerben.»

«Wenig Sex ist nicht schlimm»

Für Paar- und Sexualberater Bruno Wermuth ist Unlust bei Männern hingegen kein neues Phänomen: «Früher sprach man einfach nicht darüber, weil ein Mann sich über seine Sexualkraft definierte und nicht schwach wirken wollte.» Heute habe sich das Bild des Mannes gewandelt, weshalb man dieses Tabuthema ansprechen könne.

Ausserdem sei es völlig normal, dass in einer Beziehung die Lust mit der Zeit langsam kleiner werde. Dies könne man einerseits als Aufforderung deuten, etwas an der Beziehung zu ändern, oder es andererseits einfach akzeptieren, wenn man damit leben könne: «Wenig Sex zu haben, ist ja an sich nichts Schlechtes.»

Schriber pflichtet ihm bei. Gleichzeitig sei aber Sex oft sehr wichtig, um eine tiefere Verbindung zum Partner aufzubauen: «Ohne Sex ist es wie eine Beziehung zwischen Bruder und Schwester.»

Quelle: 20min.ch

11. November 2015 No Comments admin Allgemein